„Ich halte das nicht mehr aus!" Fräulein Kleinschmidt stand vor meiner Tür. Fräulein Kleinschmidt ist eine ältere Dame, die großen Wert auf die Anrede „Fräulein" legt und einen Lieblingssatz hat. Näm-lich: „Ich halte das nicht mehr aus". Darum war ich auch in keiner Weise verwundert, als sie mich nach dem Öffnen der Haustür mit diesem Satz überfiel. Ich war eher neugierig, was Sie diesmal zu bemängeln hatte und wann Ihr zweiter Lieblingssatz fallen würde.
"Nun kommen Sie doch erst mal rein, Fräulein Kleinschmidt", bat ich sie höflich. Sie folgte meiner Aufforderung und da fiel schon der zweite Lieblingssatz: „Wenn Sie dagegen nichts unternehmen, werde ich Ihnen die Miete kürzen."
Auch dieser Satz brachte mich nicht aus der Fassung, denn dafür hatte ich ihn schon zu oft gehört. Ich führte meine Mieterin ins Wohnzimmer, bot ihr einen Platz an und brauchte gar nicht nach dem Grund der Aufregung fragen, denn sie legte sofort los. „Hören Sie das nicht? Dieser Lärm, ich kriege davon Migräne, ich werden wahnsinnig, ich halte das nicht mehr aus", zeterte sie los. Ich horchte, konnte aber nichts Außergewöhnliches hören.
„Also ich höre nichts Auffälliges. Die Autos fahren wie immer vorbei, die Kinder auf dem Spielplatz..." Weiter kam ich nicht mehr. „Kinder? Kinder? Das sind Terroristen. Jawohl, lärmende Terroristen sind das. Die bringen mich mit ihrem Krach noch um. Also ich halte das nicht mehr aus." „Nun beruhigen Sie sich bitte, Fräulein Kleinschmidt. So schlimm ist das doch nicht. Ich denke auch nicht, dass ich etwas dagegen unternehmen kann, denn schließlich existierte der Spielplatz schon vor dem Bau dieses Hauses – also auch noch vor Ihrem Einzug." „Das spielt doch keine Rolle. Der Lärm ist gesundheitsschädlich, der ist für mich tödlich. Dass ich sowas noch mitmachen muss. Ich halte das nicht mehr aus." „Aber was soll ich denn dagegen tun? Es ist ein öffentlicher Spielplatz. Ich kann doch nicht rüber gehen und den Kindern den Mund verbinden." So langsam war ich doch etwas gereizt.
„Wenn Sie nichts unternehmen, dann werde ich Ihnen die Miete kürzen." Fräulein Kleinschmidt zeigte keine Einsicht und um ehrlich zu sein ging sie mir so langsam ganz schön auf die Nerven. Ich stand auf. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können", antwortete ich ihr und zeigte auf die Tür. „Ich denke, unser Gespräch ist jetzt beendet. Darf ich Sie also bitten zu gehen?" Ich versucht die Form zu wahren. Anders meine Mieterin. Sie stand auf und beschimpfte mich als ausbeuterischen Vermieter, der nichts für seine Mieter tun würde und dass sie mich verklagen würde. Glücklicherweise stand sie auf und ging. Natürlich nicht ohne weiter zu lamentieren und dabei mindestens hundertmal die Sätze „Ich halte das nicht aus" und „Ich kürze Ihnen die Miete" zu gebrauchen.
Nachdem Fräulein Kleinschmidt gegangen war, trat ich auf den Balkon und schaute zum Spielplatz herüber. Da waren tatsächlich zwei sehr laute Kinder. Ich schaute genauer hin und traute meinen Augen nicht. Sicherheitshalber holte ich mein Fernglas und stellte nun unwiderlegbar fest, dass die lautesten Kinder auf dem Spielplatz Fräulein Kleinschmidts Enkel waren.