Es ist ein wunderschöner Morgen. Meine Frau und ich sitzen auf dem Balkon und frühstücken. „Es geht doch nichts über das Leben auf dem Lande“, meint meine bessere Hälfte und atmet tief durch. „Diese Ruhe, dieser Frieden, dieser …“. Weiter kommt sie nicht, denn es klingelt. Ich gehe zur Haustür. Peter Schmerler, unser Mieter, steht vor der Tür. Ein netter junger Mann, der mit seiner Frau und seit neuestem auch seiner kleinen Tochter (der ganze Stolz von Schmerler) die Wohnung über uns gemietet hat. „Gute Morgen Peter, komm doch rein“, lade ich ihn ein und gehe vor auf die Veranda.
Peter Schmerler folgt mir, nimmt Platz – und ist augenscheinlich sehr nervös. „Ist irgendwas?“, fragt meine Frau und schaut Peter fragend an. „Ja – also, es geht um Cicero.“ Cicero ist der Stolz unseres Nachbarn Huber. Den ganzen Tag stolziert er herum und achtet darauf, dass seine Frauen schön brav in der Nähe bleiben. Ja, Cicero hat 11 Frauen – was aber ganz normal ist, weil Cicero ein großer Hahn ist. „Ein ausnehmend schönes Tier“, sage ich. Aber Peter scheint da etwas anderer Meinung zu sein. „Optisch mag er ja toll sein – aber der muss zum Uhrmacher!“ Meine Frau und ich schauen uns gegenseitig verdutzt an.
Dann wandern unsere Blicke auf Peter, der jetzt erklärt: „Das Vieh geht einfach vor. Der weckt jeden Morgen um 03:00 Uhr mit seinem Krähen alle Welt auf.“ „Ach, wir hören das schon gar nicht mehr“, meint meine Frau und gießt Peter einen Kaffee ein. „Meine Frau und mir macht das ja auch nichts mehr aus – aber Kathrin wird jedes Mal wach, wenn der vermaledeite Hahn loslegt.“ „Tja – das ist natürlich nicht so schön – aber was soll ich da machen.“ Peter zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es ja auch nicht. Aber wenn sich da nichts ändert, müssen wir ausziehen. Unsere Kleine kriegt zu wenig Schlaf. Und wenn Kathrin wach ist, dann ist für uns die Nachtruhe um.“ „Na gut, ich werde mal mit Huber reden, ob wir da was machen können“, verspreche ich Peter. Erst jetzt fallen mir die Ringe unter seinen Augen auf, die wohl vom wenigen Schlaf herrühren.
Glücklicherweise ist Bauer Huber ein netter und verständnisvoller Nachbar. Als ich ihn am Nachmittag anspreche, wiegt er seinen Kopf (ein sehr schwerer Kopf übrigens) hin und her. Dann zieht er an seiner Pfeife und plötzlich leuchten seine kleinen Knopfaugen. „Ich hab’s. Ich könnte den Hühnerstall auf die andere Hofseite verlegen. Das ist weit genug weg, dass die Kleine nicht mehr gestört werden kann.“ „Na, das ist doch eine tolle Idee“, freue ich mich über das Entgegenkommen von Bauer Huber. „Ja, klasse. Wir wären auch nur ungern weggezogen“, höre ich Peter hinter mir – ich hatte sein Kommen nicht bemerkt. „Ja, aber ich hab‘ im Moment Erntezeit, da habe ich nicht die Zeit, den Umbau zu machen. Das wird wohl noch zwei, drei Wochen dauern.“ Peter schaute schon wieder so traurig.
Doch ich hatte eine Idee. „Wenn Peter und ich den Umzug bewerkstelligen? Also ich bin gerne bereit, am Wochenende mitzumachen.“ Ich war wirklich gerne bereit, weil ich wusste, dass meine Frau a) am Wochenende zum Kleiderkauf in die Kleinstadt fahren wollte und b) vollstes Verständnis haben würde, dass ich unter diesen Umständen nicht mitfahren könnte. Peter strahlte und rief: „Klasse, ich ruf noch ein paar Kumpels an und dann kriegen wir das bestimmt hin.“ „Na dann ist ja alles klar“, schmunzelte Bauer Huber, zog an seiner Pfeife und zwinkerte mir mit dem rechten Auge zu. „Dann muss Cicero also nicht zum Uhrmacher.“