Fräulein Meyer wird in unserem Haus nur „das Mimöschen“ genannt. Sie ist ein kleine, liebenswerte Dame, die aber sehr, sehr empfindlich ist. Im Übrigen legte sie selbst sehr großen Wert, als Fräulein angesprochen zu werden. Unser „Mimöschen“ hatte mich beim Rasenmähen erwischt. Sie sah mich durch ihre randlose runde Brille mit einem eigentümlich melancholischen Blick an. „Ich muss mal mit Ihnen reden“, sagte Sie.
Ich glaubte zu ahnen, worum es ging und zog es vor in die Offensive zu gehen. „Ich weiß, Fräulein Meyer, der Rasenmäher ist ein wenig laut. Aber schauen Sie – das Gras muss nun mal geschnitten werden und ich denke sowieso, das ist heute das letzte Mal – dann ist die Mähersaison zu Ende.“
„Ja, ja, aber darum geht es doch gar nicht.“ „Was kann ich denn für Sie tun?“, fragte ich. „Mir ist so kalt. Sie müssen die Heizung hochdrehen.“ Ich dachte ich hörte nicht recht. Ich werkelte hier draußen mit kurzen Hosen und T-Shirt und Fräulein Meyer war zu kalt. „Aber Fräulein Meyer, wir haben hier draußen knapp 20 Grad. Und in den Wohnungen sind auch angenehme Temperaturen. Also bisher hat sich noch keiner beschwert.“ Sie schaute mich an und ich wusste, dass jetzt ihr Standardsatz kommen würde. „Ach ja – aber bedenken Sie mein Alter.“ Ich hatte es geahnt. „Aber ich kann doch nicht die Heizung jetzt schon höher fahren. Dann werden sich die anderen Mieter wegen der höheren Heizkosten beklagen. Sie beschweren sich doch auch, dass die Nebenkosten so hoch sind.“ Fräulein Meyer hielt den Kopf schief und schien nachzudenken. Ganz sicher würde jetzt der Standardsatz Nummer zwei kommen.
„Ach ja, die Welt ist so schlecht geworden. In meiner Jugend war das alles besser.“ Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken, weil ich genau diesen Satz erwartet hatte. Aber die Zeiten, in denen man das Öl tatsächlich für wenige Pfennige einkaufen konnte, waren ja nun wirklich vorbei. Doch unser Mimöschen hatte jetzt eine Idee, die mir gefiel. „Ich werde mir wohl eine dicke Jacke stricken müssen. Ach ja, jaja,“ sagte sie halblaut. Weil ich die alte Dame wirklich mochte, machte ich ihr dann einen Vorschlag. „Wissen Sie was, heute Nachmittag habe ich Zeit. Da fahre ich Sie in die Stadt und wir kaufen die Wolle. Und ich spendiere Ihnen noch eine Tasse Kaffee und ein schönes Stück Kuchen.
Ich kann doch mein Fräulein Meyer. Autofahren und Kaffeetrinken waren für Sie das Größte. Ihre Augen strahlten, als Sie sagte: „Ach ja, die Welt ist ja doch nicht so schlecht.“