Das war eine äußerst unangenehme Geschichte. Noch heute, wenn ich an unserem Stadtkrankenhaus vorbeifahre, muss ich daran denken. Schade, dass an dieser Geschichte eine langjährige Freundschaft zerbrach. Ich sehe Fred noch vor mir, wie er wütend an meiner Haustür stand. Das heißt, eigentlich war nicht zu erkennen ob er nun wütend oder verzweifelt war. Wahrscheinlich beides. „Hallo Fred – wie siehst du denn aus, ist etwas passiert? Aber komm doch erst mal rein.“ empfing ich ihn. Fred und ich hatten zusammen studiert und waren eng befreundet. Doch jetzt sollte alles anders werden.
„Nein – ich komme nicht herein. Ich betrete doch nicht die Bude eines Halsabschneiders, der sein Haus verkommen lässt, um möglichst viel Profit zu machen – und dadurch meine kleine Jenny fast umgebracht hätte.“ Ich verstand kein Wort. „Was ist denn mit Jenny?“, fragte ich. Schluchzend antwortete Fred „Jenny liegt im Krankenhaus – schwer verletzt – und daran bist allein Du schuld!“
Ich war wie vom Donner gerührt. Ich kannte natürlich die kleine Jenny – sie wach gerade sechs geworden und wir hatten ihren Geburtstag tüchtig gefeiert. Der sollte ich etwas angetan haben? Unter Tränen brüllte Fred die Geschichte heraus: „Wir wollten auf den Spielplatz hinter deiner Bude. Da hat sie sich an einen der Eisenpfähle in deinem Zaun gehängt. Der Pfahl brach aus der Mauer – und meine Jenny liegt jetzt schwer verletzt im Krankenhaus.“ „Das tut mir wirklich wahnsinnig leid, Fred. Wenn wir irgendetwas tun können …“ Weiter kam ich nicht. „Du hättest etwas tun müssen! Deinen verdammten Zaun in Ordnung bringen. Verkehrssicherungspflicht nennt man das – aber du wirst noch von mir hören.“ Mit diesen Worten rannte er wutschnaubend davon.
Ich konnte Fred verstehen. Die Sorge um sein Kind hatte ihn zornig und ungerecht gemacht. Ich dachte, er würde sich wieder beruhigen. Natürlich machte ich mir auch Sorgen um Jenny, aber der Zaun war noch ein paar Wochen vor dem Unfall kontrolliert worden. Ich konnte doch nicht täglich kontrollieren, ob irgendwelche Rabauken den Zaun beschädigten. Zudem stellte sich heraus, dass Jenny sich verletzte, als ihr Vater den kleinen Bruder Robin aus dem Auto hob. Hätte Fred aufgepasst, wäre das alles nicht passiert.
Doch Fred beruhigte sich nicht. Ich bekam Post von seinem Anwalt. Insgesamt sollte ich 13.500 € an Schmerzensgeld und Schadenersatz zahlen. Es kam, wie es kommen musste. Der Streit landete vor Gericht. Fred verlor den Prozess – und ich einen guten Freund. Diese Geschichte kennt halt nur Verlierer.