Also, ich bin wirklich ein geduldiger Mensch. Aber was sich Herr Gruber-Seelenhardt da erlaubt hat, geht nun doch zu weit. Mal abgesehen davon, dass ich mich inzwischen damit abgefunden habe, dass die Miete von Herrn Gruber-Seelenhardt zwar regelmäßig, aber auch immer zu spät kommt, muss jetzt Schluss sein. – Aber ich glaube ich fange mal vorne an.
Gruber-Seelenhardt ist ein sehr ruhiger Mieter. Er sitzt den ganzen Tag in seiner Wohnung bei klassischer Musik in Zimmerlautstärke und malt. Er ist Kunstmaler und, wie mir ein Galerist bestätigte, durchaus keiner von den Schlechtesten. Seine Bilder sind beliebt und werden gekauft. Wenn man mal von der verzögerten Mietzahlung absieht, ist er eigentlich ein sehr angenehmer Mieter.
Aber nur bis vor ungefähr sechs Wochen das Desaster begann. Gruber-Seelenhardt hatte auf seiner Etage ein kleines Bild aufgehängt. Natürlich ein echter Gruber-Seelenhardt. Er malt abstrakt. Damit kann ich nichts anfangen. Aber ich dachte: Naja, das eine Bild. Da geht die Welt nicht von unter.
Ein paar Tage später hing ein etwas größeres Bild neben dem zuerst aufgehängten Bild. Ich fing an, mich zu ärgern. Dann traf ich den Künstler und bat ihn, doch bitte keine weiteren Bilder im Treppenhaus aufzuhängen. Gruber-Seelenhardt warf den Kopf herum, als wolle er seine Künstlermähne nach hinten werfen, was ziemlich grotesk aussah, weil er eine Glatze hatte. Dann schaute er mich über seine runde Brille an. „Ich verstehe Sie nicht. Galerien reißen sich darum, meine Werke zu zeigen. Ich stelle Ihnen die Bilder kostenlos zur Verfügung und Sie wollen sich beschweren? Dankbar müssten Sie mir sein." Er wendete sich beleidig ab und ließ mich einfach stehen.
Ich fuhr dann mit meiner Frau in Urlaub. Als wir gut erholt zurückkamen, war meine Erholung beim Anblick des Treppenhauses im Eimer: Gruber-Seelenhardt hatte inzwischen die Wände zugehängt und alle Flure und Treppenbereiche in eine Galerie für moderne Kunst ala Gruber-Seelenhardt verwandelt.
Meine Frau brachte es auf den Punkt: „Das ist ja schrecklich", entfuhr es ihr. „Ja, das geht zu weit. Jetzt kriegt er eine Abmahnung. Und wenn diese Dinger nicht verschwinden, dann fliegt er raus. Das darf der doch gar nicht", antwortete ich. Und da habe ich doch recht, oder?