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Das wahre Leben

Frieda

16. Dezember 2015

Herr Oldenberg stand in der Haustüre und machte einen sehr nervösen Eindruck. Er wohnte mit seiner Familie im zweiten Stock und gehörte zu den angenehmsten Mietern, die man sich vorstellen kann. Stets freundlich, immer hilfsbereit, ein pünktlicher Miete-Zahler und ordentlicher Straßenkehrer und Schneeräumer. Da es nie einen Grund zur Klage gab und ich Herrn Oldenberg und seine Familie sehr mochte, freute ich mich über seinen Besuch.

„Er wird mir frohe Feiertage wünschen“, dachte ich mir, denn das machte Herr Oldenberg jedes Jahr. Mit einer Flasche Wein verband er seine besten Wünsche. In meinem Wandschrank stand ebenfalls eine festlich verpackte Weinflasche, mit der ich die Grüße dann erwiderte. Doch da fiel mir auf, dass Herr Oldenberg gar keine Flasche dabei hatte.

Wir gingen ins Wohnzimmer und ich bot Herrn Oldenberg einen Platz und eine Tasse Kaffee an. Er nahm Platz, verzichtete aber auf den Kaffee. Er rutschte im Sessel hin und her und ich konnte ihn nicht mehr länger leiden sehen. „Nun mal heraus mit der Sprache, wo drückt der Schuh? Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie was auf dem Herzen haben“, machte ich ihm Mut.

„Ja wissen Sie, also bei uns in der Wohnung ist die Frieda – und die Kinder haben Sie richtig lieb.“ „Aha, also Besuch über die Feiertage“, dachte ich. „Das ist doch schön, freut mich für Sie. Cognac gefällig?“, plauderte ich drauf los und vergaß dabei, dass Herr OIdenberg keinen Alkohol trank – zumindest normalerweise. Jetzt aber nahm er dankend an. Er musste ein dickes Problem haben.

„Nun erzählen Sie mal in aller Ruhe“, sagte ich und reichte ihm den Cognacschwenker. Er kippte den guten 40 Jahre alten Cognac herunter. In einem Schluck. Ich war entsetzt, denn ich bin ein Genießer und konnte nicht verstehen, wie man so ein tolles Getränk so einfach herunterstürzen konnte.

Oldenberg fing an zu erzählen: „Also, Frieda ist nun schon eine Woche bei uns. Die Kinder lieben sie und meine Frau und ich, wir haben sie auch irgendwie lieb gewonnen. Wenn Sie auch den ganzen Tag über schnattert, was das Zeug hält.“ Er lächelte ein wenig und ich verstand ihn. Ich habe auch so eine Tante. Sie ist wirklich lieb, aber sie gehört zu den Menschen, die nur Makkaroni essen, um durch die Löcher weiter reden zu können. „Ja, das kenne ich. Und Ihre Frieda geht Ihnen jetzt ganz schön auf die Nerven, was?“, fragte ich.

Fotolia_28232442„Nein, aber ich bringe es einfach nicht fertig, sie umzubringen“, stöhnte mein Nachbar. Mit fiel der Cognacschwenker mit dem 40 Jahre alten Cognac fast aus der Hand. „Herr Oldenberg, machen Sie sich nicht unglücklich. So schlimm kann es doch nicht sein.“ „Sie haben ja gar keine Ahnung. Die Kinder haben sie inzwischen so lieb gewonnen, dass sie wollen, dass Frieda für immer bleibt.“ Aha – daher wehte der Wind. „Ach, warten Sie ab. Spätestens nach Silvester wird Ihre Frieda wohl auch den Kindern auf die Nerven gehen – und dann wird Ihre Frieda schon von alleine abreisen.“ „Nach Polen?“, schaute mich Herr Oldenberg fragend an.

Eine Polin also. Ich wusste nicht, dass die Oldenbergs dort Verwandte hatten. Vielleicht eine Urlaubsbekanntschaft? Nein, die Familie fuhr immer in den Süden. Naja, vielleicht hatte man sich da kennengelernt. „Erzählen Sie mal von Anfang an. Wo haben Sie die Frieda den kennengelernt?“ „Naja, vorige Woche – auf dem Wochenmarkt.“ Ich verstand. Oldenberg hat eine Bettlerin auf dem Markt gesehen und mit nach Hause genommen. So kannte ich ihn. „Die Frieda ist also ein armes Wesen, dem Sie helfen wollen?“

„Jetzt ja – obwohl ich ihr ja eigentlich heute den Hals durchschneiden wollte.“ So kannte ich Herrn Oldenberg nun wirklich nicht. „Aber, ich verstehe nicht – Sie sind wollten ihr den Hals …“ „Naja, ich dachte, das wäre die humanste Methode. Aber seit die Kinder wissen, dass ich sie töten will, weinen sie nur noch und meine Frau redet kein Wort mehr mit mir – ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.“

Ich war sprachlos. Sollte ich mich so in Oldenberg getäuscht haben. Der brave Familienvater – ein brutaler Killer? Unglaublich. „Deshalb hoffte ich, dass Sie mir helfen können.“ Oldenberg sah mich flehend an und ich stand kurz vor dem Wahnsinn. Ich sollte ihm helfen, seine polnische Verwandtschaft umzubringen? Ich sprang auf. „Also Herr Oldenberg, es reicht. Ich rufe jetzt die Polizei!“ Er sah mich entsetzt an. „Aber wir können doch eine andere Lösung finden! Wir haben uns doch immer gut verstanden …“ „Natürlich haben wir uns gut verstanden, aber ich werde doch nicht zulassen, dass Sie Ihre Frieda umbringen.“ Komisch – auf einmal sah Herr Oldenberg gar nicht mehr so verzweifelt aus. In seinen Augen leuchtete etwas, als er sagte: „Dann haben Sie nichts dagegen, dass Frieda bleibt.“ „Warum sollte ich – ich habe eher etwas dagegen, dass Sie sie umbringen wollen.“ Oldenberg drückte mir die Hand. „Darauf hatte ich gehofft. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Dann habe ich ein Problem weniger.“ Ich war erleichtert. Augenscheinlich hatte Oldenberg geblufft, eigentlich hatte ich ihm auch keinen Mord zugetraut.

„Na, da hätten Sie doch nicht solche Geschütze auffahren müssen“, sagte ich lächelnd, „kommen Sie doch mal mit Ihrer Frieda auf einen Kaffee bei uns vorbei.“ Herr Oldenberg sieht mich fragend an. „Mit Frieda?“ „Ja natürlich, meine Frau freut sich bestimmt, wenn sie sich mal wieder mit Ihrer Frau und Frieda unterhalten kann. Und wenn das Geschnatter losgeht, ziehen wir uns auf einen Cognac ins Wohnzimmer zurück.“ Oldenberg schaute mich erst an, als sei er oder ich geistig verwirrt. Dann begann er schallend zu lachen.

„Ich glaube, da haben Sie was missverstanden. Frieda ist keine Frau. Frieda ist eine Gans. Wir haben sie bei der Lotterie auf dem Weihnachtsmarkt gewonnen. Und eigentlich sollte sie als Braten unser Fest verschönern, aber jetzt …“ Ich verstand. Das war es also. „Und deshalb drucksen Sie so herum?“ „Ja, im Mietvertrag ist doch die Tierhaltung bis auf Kleintiere untersagt – und Frieda ist ganz schön groß.“ Er sah mich fragend an. Aber was soll man in so einem Fall wohl machen. „Also gut, Herr Oldenberg. Natürlich kann die Gans nicht auf Dauer bleiben, das geht wirklich nicht. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Frieda darf bis nächstes Jahr bleiben. Aber im Januar suchen Sie mit Ihren Kindern ein schönes Zuhause für die Gans – vielleicht nimmt sie unser Tierpark – da können die Kinder sie dann besuchen. Und allen ist geholfen.“

Herr Oldenberg drückte meine Hand „Danke, vielen, vielen Dank! Sie haben unser Weihnachtsfest gerettet.“ In diesem Moment kam meine Frau herein. Sie machte einen verwirrten Eindruck und sprach Herrn Oldenberg auch gleich an. „Sagen Sie mal, was ist denn mit Ihrer Frau los? Ich wollte sie zweiten Weihnachten zum Essen einladen. Sie war auch erst begeistert – aber als ich ihr sagte, dass es Gänsebraten gibt, fing sie bitterlich an zu weinen und rannte weg.“ „Dorle“, sage ich zu meiner Frau, „dieses Jahr gibt es keinen Gänsebraten, Oldenbergs haben Besuch von Frieda!“ Herr Oldenberg und ich mussten lachen – und meine Frau schielte auf die Cognacflasche – aber da fehlte nicht so viel, wie sie erwartet hatte.

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