Facebook
Twitter
Newsfeed

Guter Rat vom Anwalt.

Exklusiv für PLUS-Mitglieder: Unsere
Anwälte beraten Sie sofort am Telefon.
PLUS-Mitglied werden

Das wahre Leben

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

14. Dezember 2018

Es war Heilig Morgen – oder wie nennt man den Morgen des Heiligen Abends? Wie dem auch sei – Hardy stapfte durch die Pfützen, denn Schnee hatte es auch in diesem Jahr nicht gegeben – abgesehen von einigen einsamen Flocken, die sich sofort in Wasser verwandelten. Eigentlich war Hardy überhaupt nicht weihnachtlich zumute. Es war kalt, es regnete und er war auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum.

Wie jedes Jahr hatte ihn seine ansonsten geliebte Gattin wieder dazu verdonnert, einen Baum zu beschaffen. Schön groß, gerade gewachsen, dicht, aber nicht zu dicht, grün aber nicht zu grün … den größten Teil des Anforderungsprofils für den Baum hatte er schon vergessen. Nicht vergessen hatte er jedoch die Reaktion seiner Gattin, als er einen künstlichen Baum vorschlug. Diese Reaktion war in etwa so heftig, wie der Donnerschlag, der gerade ertönte und die nächste Regenwelle ankündigte.

Tannenbaum - WeihnachtsgeschichteVier Händler hatte Hardy bereits aufgesucht. Überall erhielt er die gleiche Auskunft: Bäume sind aus. Hardy fragte sich, ob es nicht vernünftiger wäre, Weihnachten aufzuteilen: Alle, deren Nachnamen mit A bis G beginnt, feiern im Dezember, von H bis O im April und der Rest im August. Er verwarf den Gedanken sofort, denn erstens war wirklich zu dämlich und zweitens würde eine Aufteilung wahrscheinlich nichts daran ändern, dass er viel zu spät auf die Suche nach einem Weihnachtsbaum gehen würde.

Nun war er beim fünften Händler angekommen. Der ältere Mann hatte die Kapuze tief über sein Gesicht gezogen, so dass nur der rötliche Bart darunter hevorlugte. Er zog mächtig an seiner dicken Zigarre, weil diese schon nass geworden war und deshalb auszugehen drohte. „Haben Sie Weihnachtsbäume?“ fragte Hardy. Der Mann schob seine Kapuze zurück und eine ziemlich dicke, verfroren-rote Nase kam zu Vorschein, auf der eine Brille mit runden Gläsern saß, die wiederum kleine blitzblaue Augen schützten. „Nee – Weihnachtsbäume habe ich nicht – ich verkaufe nur Kokospalmen“ grinste er und Hardy lief rot an, weil er merkte, dass er sich mit seiner Frage blamiert hatte. „Na, kommen Sie, wir schauen mal, was noch da ist.“ Der Verkäufer klopfte ihm auf die Schulter und ging voraus.

Doch, da waren noch einige Bäume. Allerdings entsprachen die kaum den Qualitätsanforderungen, die seine Gattin an einen „richtigen Christbaum“ stellte. „Haben Sie keinen schöneren Baum?“ fragte Hardy und man spürte die Verzweiflung in seiner Stimme. „Aha – ein Auftragskäufer, was wünscht sich denn die Frau Gemahlin?“ grinste der Verkäufer. Hardy liebte seine Frau, weil er sie kannte – und ihm standen jetzt die Tränen in den Augen, weil er seine Frau nur zu gut kannte.

„Nana bleiben Sie mal ganz ruhig. Jeder Baum ist schön – wenn er an der richtigen Stelle steht.“ Der Verkäufer zwinkerte ihm lächelnd zu – aber Hardy sah ihn verständnislos an. „Der hier,“ der Verkäufer zeigte auf einen kleinen Baum, den anscheinend ein Sturmwind recht übel zerzaust hatte, „der wird heute Abend der schönste Baum auf der Welt sein – für die Leute, die um ihn herumsitzen werden.“

Hardy sah den Mann fragend an, denn er verstand nicht, was der Bärtige damit meinte. Der setzte sich auf einen Baumstumpf in einem Unterstand und zog eine Pfeife hervor, in der er die Tabakreste seiner recht feucht gewordenen Zigarre stopfte. Er wies auf einen alten Klappstuhl und Hardy setzte sich.

Mit der Pfeife deutete der Verkäufer auf das kleine zerzauste Bäumchen. „Den bringe ich heute Abend in das Obdachlosenasyl am Bahnhof. Geschmückt wird er dann mit Silberpapier aus den Zigarettenschachteln, dass die Männer dort schon das ganze Jahr für diesen Zweck sammeln. Außerdem hängen wir rote Bänder an den Baum, als Ersatz für die Kerzen – die sind im Asyl verboten.“ Hardy begriff. Das Bäumchen würde den Menschen, die nichts hatten, ein wenig von der Weihnachtsstimmung bringen.

„Ein Weihnachtsbaum ist erst mal nur ein Baum,“ philosophierte der Verkäufer „aber wenn dann die Herzen der Weihnacht in den Menschen schlagen, dann ist jeder Baum ein prachtvoller Weihnachtsbaum – schöner als jeder andere – ohne eine einzige Kugel oder einen Streifen Lametta.“

Hardy verstand – und auf einmal spürte er Weihnachten in sich und die Bäume um ihn herum wurden in seinen Augen immer schöner. Der alte Mann mit dem Bart und den lustigen Augen hinter der Brille lächelte und holte einen Baum mittlere Größe, der ein wenig an den schiefen Turm von Pisa erinnerte. „Frohes Fest“ sagte er nur und hielt Hardy den Baum vor die Nase. Als dieser nach seinem Geldbeutel griff, winkte der Mann ab „den hätte ich sowieso nicht mehr verkauft“. Hardy drückte ihm dennoch einen Schein in die Hand und meinte „Für die Obdachlosen“. Der Mann schaute ihn dankbar lächelnd an und steckte das Geld in die Tasche. Hardy trat den Heimweg an.

Je weiter er sich von dem Weihnachtsbaumverkäufer entfernte, umso mehr verblasste die weihnachtliche Stimmung in ihm. Dafür baute sich eine gewisse Furcht in ihm auf. Wie würde seine Frau reagieren? Würde sie das alles verstehen – oder es nur für eine Ausrede halten, weil er wiedermal viel zu spät losgezogen war, um einen Baum zu kaufen? Mit diesen Gedanken ging er heim.

Mit äußerst gemischten Gefühlen betrat er das Wohnzimmer, den Baum hinter sich haltend, als könne er diesen vor seiner Frau verbergen. Sie deckte schon den Tisch für das Festmahl, für das sie einige Stunden in der Küche gestanden hatte. Sie schaute ihn (und den Baum dahinter) nur kurz an. Die Hände in die Hüften gestemmt, fragte sie mit einem Blick, unter dem selbst Superman zusammengebrochen wäre „Das ist doch wohl nicht Dein Ernst“. Hardy nahm seinen ganzen Mut zusammen, fasste seine Frau zärtlich bei der Hand und sagte „bevor Du Dich jetzt aufregst, möchte ich Dir etwas erzählen. Wenn Du dann den Baum immer noch hässlich findest, kannst Du Dich immer noch echauffieren.“ Und erzählte seine Begegnung mit dem Weihnachtsbaumverkäufer. Dabei kam diese Stimmung wieder, die ihn beim Christbaumhändler bereits erfasst hatte. Mit leuchtenden Augen sagte er zum Ende der Geschichte „und wir haben ein wunderschönes Zuhause, wir haben uns und uns geht es so gut – da muss doch jeder Baum zum schönsten Christbaum der Welt werden.“

Anscheinend hatte die Geschichte auch etwas bei seiner lieben Frau ausgelöst. Sie hatte sich, während er erzählte an ihn geschmiegt und verträumt auf ihn und ab und zu – wenn auch nicht oft – auf den Baum geschaut. Doch als er endete stand sie wortlos auf und begann den Tisch, den sie gerade noch gedeckt hatte, wieder abzuräumen.

„Sie hat nichts verstanden“ dachte Hardy. Damit war Weihnachten wohl gelaufen. Traurig ging er ans Fenster und schaute in den Regen. Hinter ihm klapperte seine Frau mit dem Geschirr und verschwand in der Küche. Hardy seufzte – seine Stimmung war auf dem Nullpunkt angekommen. Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem rechten Auge. „Worauf wartest Du noch?“ Seine Frau stand hinter ihm.

Er drehte sich um – da stand sie, in ihrem Mantel. Sie hielt in jeder Hand einen großen Korb, in den sie so ziemlich alles an Lebensmitteln eingepackt hatte, was Kühlschrank und Gefriertruhe hergaben. Wie immer brauchte sie die Sache schnell auf den Punkt: „Du guckst ziemlich dämlich aus der Wäsche.“ „Ja – aber, was soll das jetzt?“ „Wir gehen jetzt Weihnachten feiern – im Obdachlosenasyl am Bahnhof“ lächelte sie und drückte ihm einen Korb in die Hand (es war der schwerere).

An diesem Abend schauten einige Leute recht verwundert, als sie ein Ehepaar, mit zwei Körben bepackt durch den Regen stapfen sahen, die dabei lauthals „O Du Fröhliche“ sangen.

Bewertung
( 18 Bewertungen )Zur Bewertung des Artikels die Sterne anklicken.